„Wer bei Kitas spart, spart an den Startchancen von Kindern. Die Islamische Gemeinschaft fordert verbindliche bundesweite Qualitätsstandards und einen neuen Blick auf Vielfalt“, erklärt Dr. Abdulhalim Inam, Leiter der Bildungsabteilung der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), anlässlich des geplanten Qualitätsentwicklungsgesetzes (QEG) für die Kindertagesbetreuung. Inam weiter:
„Das geplante Qualitätsentwicklungsgesetz für die Kindertagesbetreuung muss das Kindeswohl über Haushaltslogik stellen. Wer bei der frühen Bildung spart, spart an der falschen Stelle: an den Startchancen von Kindern. Frühkindliche Bildung ist kein freiwilliger Luxus, sondern eine Grundlage für Bildungsgerechtigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und sozialen Zusammenhalt.
Aus islamisch-ethischer Sicht ist jedes Kind ein anvertrautes Gut. Kinder brauchen Schutz, Zuwendung, Zeit, verlässliche Beziehungen und gut ausgebildete Fachkräfte. Ein Staat, der diese Grundlagen schwächt, sägt an der Grundlage seiner eigenen Zukunft.
Die Islamische Gemeinschaft unterstützt ausdrücklich das Ziel einer besseren Sprachförderung. Sie warnt jedoch vor einem einseitigen Defizitblick auf mehrsprachige Familien, muslimische Familien und Familien mit Einwanderungs- oder Migrationsgeschichte. Sprachstandserhebungen können sinnvoll sein, wenn daraus echte Förderung folgt. Sie dürfen aber kein Selbstzweck sein. Damit Kinder wirksam gefördert werden, braucht es gute Fachkräfte, stabile Beziehungen und einen wertschätzenden Blick.
Kita-Qualität entscheidet sich im Alltag: am Personalschlüssel, an Leitungskapazitäten, an Fortbildung, Fachberatung und an der Zeit, die Fachkräfte für Kinder tatsächlich haben. Deshalb braucht das Qualitätsentwicklungsgesetz verbindliche Kita-Standards, die bundesweit Orientierung geben und nicht bei der ersten Haushaltsdebatte wieder aufgeweicht werden. Wer Qualität will, muss diese Bedingungen verbindlich absichern.
Problematisch ist, dass Perspektiven von muslimischen, mehrsprachigen und migrantischen Familien in den Beratungen bislang zu wenig sichtbar sind. Zahlreiche muslimische und migrantische Organisationen leisten vor Ort wichtige soziale Arbeit und bringen praktische Expertise mit. Wer über Kita-Qualität spricht, sollte diese Erfahrungen nicht ignorieren.
Eine plurale Gesellschaft braucht Kitas, die religiöse und sprachliche Vielfalt als Chance begreifen – und nicht als Störung des Normalbetriebs. Der bisher oft mitschwingende Leitgedanke, Vielfalt vor allem als Problem oder Herausforderung zu behandeln, führt in die falsche Richtung. Ein solcher Defizitblick ist nicht zukunftsfähig für ein Land, das längst von Vielfalt geprägt ist und künftig noch stärker davon geprägt sein wird.“