„Nicht nur Deutschlands Wohlstand haben die einstigen ‚Gastarbeiter‘ aus der Türkei mit aufgebaut, sondern auch den Grundstein für das muslimische Leben in diesem Land gelegt. Ihre Pionierleistung ist das Fundament unserer Gemeinschaft“, erklärt Kemal Ergün, Vorsitzender der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş(IGMG). Anlass ist der 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei am 30. Oktober 1961. Kemal Ergün weiter:
„Als Deutschland und die Türkei am 30. Oktober 1961 das Anwerbeabkommen unterzeichneten, ging es um Arbeitskräfte. 65 Jahre später wissen wir: Es ging auch um Menschen, ihre Familien und die Zukunft beider Länder. Mit ihrer Ankunft beginnt ein bedeutendes Kapitel der Geschichte unserer Gemeinschaft.
Die sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter trugen unter oft schweren Bedingungen zum Wohlstand Deutschlands bei. Zugleich unterstützten sie ihre Angehörigen in der Türkei und stärkten dort die wirtschaftliche Entwicklung. Was sie für beide Länder geleistet haben, verdient unsere bleibende Anerkennung.
Doch sie brachten mehr mit als ihre Arbeitskraft: ihren Glauben, ihre Traditionen und den Willen, füreinander einzustehen. Nach langen Arbeitstagen wurden einfache Zimmer zu Gebetsräumen, aus losen Zusammenkünften wuchsen Moscheegemeinden. Wo es keine Strukturen gab, schufen sie welche – aus eigener Kraft und mit großem Zusammenhalt. So wurden sie zu Pionieren muslimischen Lebens in Deutschland.
In diesen Anfängen liegen die Wurzeln der IGMG: 1966 gründeten türkische Arbeitnehmer in Braunschweig einen Verein, ein Jahr später richteten muslimische Studierende einen Gebetsraum ein. Aus der 1969 entstandenen Türkischen Union entwickelte sich ein wachsendes Gemeindenetz. Mit Köln als organisatorischem Zentrum ab 1976 und der AMGT ab 1985 gewann der Zusammenschluss eine europaweite Struktur. Seit 1995 trägt unsere Gemeinschaft den Namen IGMG.
Mit dem Familiennachzug wuchsen auch die Aufgaben: Moscheen wurden zu Orten des Glaubens und der Bildung, der Begegnung und des Beistands. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich eine international etablierte Religionsgemeinschaft, die heute fest im gesellschaftlichen Leben verwurzelt ist.
Jede Generation hat daran ihren Anteil: Die erste legte das Fundament, die zweite baute darauf auf. Für die Enkel und Urenkel ist Deutschland längst Heimat. Mit ihnen ist auch unsere Gemeinschaft gewachsen und vielfältiger geworden.
Dieses Vermächtnis verpflichtet uns, jungen Menschen Orientierung zu geben, Familien zu stärken und unsere Moscheen als offene Orte der Begegnung weiterzuentwickeln. Unser Dank gilt jenen, die nicht nur Deutschlands Wohlstand mit aufgebaut, sondern auch sein religiöses und gesellschaftliches Leben mitgestaltet haben. Ihr Werk lebt weiter – in unseren Gemeinden und in den kommenden Generationen.“